Leseproben
Leseprobe 1
Kapitel 1
Amberton Hall, bei Norwich, 3. Mai 1899
»Edith? Edith? Hast du meine Handschuhe irgendwo gesehen?«
Amanda Hall drehte sich suchend um ihre eigene Achse, doch weder ihre ältere Schwester noch das abtrünnige Paar Handschuhe manifestierten sich in ihrem kahlgeräumten Ankleidezimmer, das sie sich mit Edith teilte. Sie bekam auch keine Antwort. Als sie sich seufzend durch Koffer und aufgetürmte Hutschachteln schlängelte, um den Kopf durch die Verbindungstür zu Ediths Zimmer zu stecken, sah sie auch warum – das Schlafzimmer war leer.
Mit einem missgelaunten Schulterzucken machte sie kehrt und entdeckte auf dem Rückweg in ihr eigenes Zimmer dann doch noch die vermissten Handschuhe, die vom Frisiertisch auf den Boden gerutscht waren, wo sie wegen ihrer dunklen Farbe nicht weiter auffielen. Amanda hob sie auf und legte sie an ihren Platz zurück, neben den Hut und das dunkelblaue Reisekostüm, das sie später für die Fahrt nach London brauchen würde.
Noch einmal sah sie sich prüfend in dem kleinen Raum um, ob sie auch nichts vergessen hatte einzupacken – die Kämme, die Parfümflakons, Handcreme und Hutnadeln … alles schien verstaut. Nur die Wintersachen, die sie für die Londoner Saison nicht brauchen würden, blieben zurück, ebenso wie die vielen Trauerkleider und alles, was zu abgetragen war, um in London damit Staat zu machen. Auch das war leider nicht wenig und die Anzahl der neuen Kleider war noch geringer.
Amanda und Edith hatten wochenlang Zeit mit der Schneiderin aus dem Dorf zugebracht, Ärmel getreu der neuesten Mode zu verengen, Rocksäume zu flicken und alte Kleider ihrer Mutter auf ihre Maße anzupassen. Doch sie zweifelte, ob all diese Maßnahmen genug waren oder ob man sie in London sofort als der verarmte Landadel entlarven würde, dem sie ja schließlich angehörten.
Aber das war nicht zu ändern, jedenfalls nicht jetzt. Sie hoffte, dass es Tante Maud gelang, Abhilfe zu schaffen. Bis dahin blieben die guten Sachen der Öffentlichkeit vorbehalten, während sie zu Hause, so wie jetzt, in ihrem ältesten abgetragenen Rock herumlief, mit einer vergilbten Bluse und einem selbstgestrickten Schultertuch darüber. Für Anfang Mai war es noch recht kühl und der Himmel draußen war grau verhangen.
Mit einem neuerlichen Seufzen wiederholte Amanda diese Inspektion in ihrem eigenen Schlafzimmer. Auch dort waren alle persönlichen Gegenstände eingepackt worden und der vertraute Raum mit den blaugestrichenen Wänden und den geblümten Vorhängen wirkte kahl und leer. Sie hielt es nicht lange darin aus.
Stattdessen begab sie sich lieber auf die Suche nach Edith, die sie schließlich im Familienwohnzimmer auf demselben Stockwerk aufspürte, wo sie dem Hausmädchen dabei half, die Möbel für die Zeit ihrer Abwesenheit mit groben Leintüchern abzudecken. Oder besser gesagt, Elsie mühte sich damit ab, das Sofa beim Kamin vollständig zu überziehen, während Edith sich gedankenverloren im Zimmer umsah und offensichtlich überlegte, was noch zu tun war.
»Hier, Elsie.« Amanda bückte sich nach einem widerspenstigen Stoffzipfel, so dass Elsie das Leinen richtig glattziehen konnte. »Es sieht aus, als ob ihr gut vorwärtskommt.«
»Ja, das ist das letzte Zimmer«, antwortete Edith an Stelle des Hausmädchens. »Fühlt sich merkwürdig an, das Haus jetzt vollständig zu schließen.« Das vielleicht für immer hing unausgesprochen in der Luft.
»Allerdings«, murmelte Amanda und gesellte sich zu Edith. Ihre Schwester stand mittlerweile am Fenster, das einen wenig spannenden Ausblick auf den kiesbestreuten Hof vor der Eingangstüre bot. Besagtes Fenster bot einen etwas merkwürdigen Kontrast zu der in Rosa- und Lilatönen bedruckten Tapete, da es ebenso wie der ganze Gebäudeflügel aus dem späten Mittelalter stammte, aber Amanda fiel das nicht weiter auf. Amberton Hall war ihr Zuhause, mit all seinen kleinen Absonderlichkeiten, und sie wollte es nicht hinter sich lassen. »Ich wünschte, wir könnten den Sommer einfach hier verbringen.«
Edith lächelte matt. »Du weißt, warum das nicht geht. Wir können froh sein, dass Tante Maud uns die Möglichkeit auf einen neuen Anfang bietet. Hier würden wir nie angemessene Ehemänner finden – die ganze Grafschaft weiß, wie es um uns steht, und wir können die arme Mrs Jones auch nicht ständig darum bitten, Anstandsdame für uns zu spielen, wenn wir irgendwo eingeladen sind. In London sind wir unbekannte Größen und Tante Maud kann uns Zugang zu ihren Kreisen verschaffen.«
»Ja, ich weiß.« Frances Jones war die schon etwas ältliche Frau des Familienanwalts, der Amanda seit dem Tod ihres Vaters bei der Gutsverwaltung half. In Ermangelung weiterer Verwandtschaft hatte sie sich der verwaisten Schwestern angenommen, bis vor ein paar Monaten ihre verwitwete Tante Maud Ashley aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt war und ihre Absicht verkündet hatte, ihre Nichten unter ihre Fittiche zu nehmen.
»Und es wird Zeit für uns. Ich bin gerade fünfundzwanzig geworden und du wirst auch nicht jünger …« Doch Edith klang auch nicht gerade begeistert.
»Ich sehe noch keine grauen Haare«, versuchte Amanda sie zu necken, doch der müde Scherz brachte ihr nur eine kleine Grimasse ein. »Im Ernst – du wirst bestimmt deine Auswahl an Verehrern haben.«
Was nicht gelogen war. Edith war einen Kopf größer und zwei Jahre älter als Amanda, eine auffallende Erscheinung mit ihren rotblonden Haaren, die sie von irgendeinem unbekannten Vorfahren geerbt haben musste, und stets der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Lediglich die dunklen Augen verrieten, dass sie und Amanda Schwestern waren.
Edith jedoch zuckte nur mit den Achseln. »Lass uns lieber hoffen, dass Mauds Schneiderin so gut ist, wie sie behauptet, und vor allen Dingen auch so schnell. Sonst wird keine von uns beiden viel Beachtung bekommen.«
»Ja, ich wünschte auch, sie hätte uns etwas mehr Zeit zum Planen gelassen. Dann hätten wir auch die ganze Saison voll ausnutzen können.«
Mauds Brief war erst vor etwas mehr als zwei Wochen auf Amberton eingetroffen und die Saison ging nur bis Ende Juli, Anfang August. Wenig Zeit, sowohl für die Vorbereitungen als auch für Mauds ehrgeiziges Unterfangen, ihren Nichten zwei gute Partien zu angeln, bevor der Sommer vorbei war. Amanda schmeckte diese Hast nicht. Sie wusste selbst, dass sie heiraten musste, und sie hatte mit Edith diesbezüglich Pläne für Gesellschaften und Bälle in der Umgebung geschmiedet. Aber ein paar Monate, ein Jahr hin oder her, was machte das schon? Weswegen musste es unbedingt London sein?
Immerhin war der von Maud empfohlene Gutsverwalter samt seiner Familie letzte Woche eingetroffen, so dass Amanda ihn gründlich hatte einweisen können. Falls es trotzdem Probleme geben sollte, würde ihm Hugh Jones zur Seite stehen. Zumindest den landwirtschaftlichen Betrieb und die Pächter würde Amanda also in guten Händen wissen.
»Miss? Ich bin jetzt fertig«, meldete sich Elsie schüchtern aus dem Hintergrund.
»Ist gut, danke«, antwortete Edith abwesend. »Du kannst gehen.« Sie wandte sich Amanda zu und nickte zu den weiß verhüllten Gespenstern des Mobiliars hinüber. »Ich sehe hier oben noch einmal nach dem Rechten, wenn du es unten tust?«
Auch unten war alles in schönster Ordnung, das gute Empfangszimmer und das Esszimmer im neueren, rechtwinklig an den mittelalterlichen angebauten Gebäudeflügel aufgeräumt und gegen Staub verhängt und geschützt, die Vorhänge zugezogen, so dass der Blick in den Garten verwehrt war. Auf dem Rückweg kam Amanda an der Küche vorbei, die in einem vornehmen Haus selbstverständlich vom Hausflur und den Wohnräumen der Familie hätte abgetrennt sein sollen. Aber niemand hatte während der vielen Umbauten auf Amberton darüber nachgedacht und so gab es nur eine einzige steile Wendeltreppe aus dem Mittelalter, die im Winkel zwischen der Küche und den Vorratsräumen ins Obergeschoss führte.
Edna Martin, die Köchin, steckte den Kopf aus der Tür, als sie Amandas Schritte hörte. »Ah, Miss Amanda – bereit zum Aufbruch? Ich habe Ihnen einen Proviantkorb für den Zug zurechtgemacht.«
»Danke, Mrs Martin«, entgegnete Amanda lächelnd und begleitete sie in die Küche zurück. Mrs Martin war hier schon Köchin gewesen, solange sie sich erinnern konnte, und hatte während ihrer ganzen Kindheit einen steten Quell von Süßigkeiten, abgeleckten Teiglöffeln und Trost bei kleinen Kümmernissen für die Schwestern dargestellt. Auch jetzt noch empfand Amanda die dämmrige Küche mit dem abgelaufenen Steinfußboden und dem glühenden Herd als gemütlich. Der versprochene Korb stand auf dem blank gescheuerten Arbeitstisch und auf dem Herd dampfte irgendeine Suppe vor sich hin.
»Ich denke, wir sind abreisefertig«, antwortete sie etwas verspätet auf die Frage der Köchin. »Die Räume sind geschlossen und Marvin und Thomas können dann anfangen, das Gepäck aufzuladen.«
»Ich schicke Elsie, um ihnen Bescheid zu sagen«, versprach Mrs Martin. »Aber mit Verlaub, Miss Amanda, Sie sehen nicht glücklich über diese Reise aus.«
Amandas Kehle schloss sich gefährlich und sie atmete einmal tief durch, ehe sie antwortete. »Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass ich nicht mehr hierher zurückkehren werde, oder wenn, dann nur als Gast meiner Schwester.« Ihre Stimme zitterte nicht und sie war ein bisschen stolz darauf. Der Abschied von Amberton lag ihr wie ein Stein in der Brust. Aber Edith war natürlich die Alleinerbin des Landbesitzes.
»Ja, das ist verständlich«, räumte die Köchin ein. »Trotzdem ist es eine große Chance – eine reiche Erbtante aus Amerika hat nicht jeder!«
Amanda lächelte traurig. »Nein, ich weiß. Es ist unser Glück, dass sie sich entschieden hat, wieder nach England zurückzukehren.«
Maud Ashley, die ältere Schwester ihres Vaters, hatte in jungen Jahren einen amerikanischen Millionär geheiratet – zur allgemeinen Verwunderung anscheinend, da sie nur ein kleines Erbe zu erwarten hatte. Alle paar Jahre hatte sie sich auf dem Familiensitz blicken lassen, aber die Besuche hörten im Jahr nach Amandas zwölftem Geburtstag auf, weil ihr Mann immer älter und gebrechlicher wurde. Vor ein paar Jahren war er gestorben und Maud verspürte nun doch offenbar Heimweh nach ihrem Geburtsland, zumal die Ehe kinderlos geblieben war.
»Sie wird Ihnen bestimmt gut unter die Arme greifen, Ihnen und Ihrer Schwester«, sagte Mrs Martin tröstend. »Sie sind bei ihr gut versorgt. Wenn Miss Hall nur das Gut nicht verkauft …«
Das war das Damoklesschwert, das über ihnen hing. Amandas Vater war wie viele kleine – und auch große – Landadelige von der Agrarkrise in den 1880er Jahren schwer betroffen gewesen und das Gut hielt sich kaum über Wasser. Edith, oder vielmehr ihr zukünftiger Ehemann, könnte sich leicht entscheiden, es abzustoßen.
Maud, die ihnen finanziell unter die Arme hätte greifen können, hatte dagegen klargestellt, dass sie das nur in Betracht ziehen würde, wenn Edith eine gute Partie machte, und auch dann hing es natürlich von Edith und ihrem Zukünftigen ab, ob sie das überhaupt wollten. Dasselbe galt für Amandas möglichen Anteil aus dem Erbe – blieb sie unverheiratet, hatte sie keine weitere Hilfe zu erwarten.
»Falls es so weit kommt, sorge ich dafür, dass Sie alle eine gute neue Stellung finden«, versprach Amanda, obwohl sie nicht wusste, ob sie diese Zusage würde einhalten können. Auch ihre eigene Zukunft war ja mehr als ungewiss.
»Das ist gut von Ihnen, Miss«, antwortete Mrs Martin. »Aber ich hoffe doch, dass das nicht nötig sein wird.«
»Ich auch.«
Amanda verabschiedete sich mit einem Kopfnicken von der Köchin, bevor ihr dieses Gespräch doch noch die Fassung rauben konnte. In das stille Haus wollte sie aber auch nicht zurück, also beschloss sie, ein paar Schritte durch den Garten hinter dem Haus zu gehen. Sie durchquerte den Hof, in dem der Wagen schon bereitstand, und umrundete den älteren, von Efeu und wildem Wein überwucherten Gebäudeflügel.
Von außen sah man ihm nicht an, dass er ein Wohnzimmer mit schweren Sesseln und einem stillgelegten uralten Kamin beherbergte und die kleine holzvertäfelte Studierstube ihres Vaters, in der Amanda seit seinem Reitunfall vor fünf Jahren die Bücher führte. Von außen sah er nur aus, als wolle er auch die nächsten fünfhundert Jahre unverändert dort stehen. Auf der anderen Seite war Mickey, der schwarze Hofkater, eifrig mit der Mäusejagd beschäftigt, aber er ließ sich leicht locken, als Amanda sich zu ihm ins hohe Gras seitlich des Pfades hockte.
»Na, du?«, murmelte sie und fuhr ihm über den Rücken. »Wirst du uns vermissen, wenn wir fort sind?«
Mickey rieb sich schnurrend an ihrer Hand und schon wieder kämpfte Amanda mit den Tränen. Über die letzten Tage hatte sie ihre Abschiedsrunde bei den Pächtern gemacht, für die sie zusammen mit den Büchern die Verantwortung trug. Sie hatte in bescheidenen, aber sauber gefegten Cottages ebenso vorbeigeschaut wie bei ihren Sorgenkindern, jenen Familien, in denen ein Elternteil schwer krank darniederlag, kürzlich ein Kind gestorben war oder wo der Alkohol Einzug gehalten hatte. Amanda sah in solchen Fällen normalerweise wöchentlich nach dem Rechten, so wie es auch ihre Mutter getan hatte, und brachte bei Bedarf Lebensmittel vorbei. Die Frau des neuen Verwalters hatte ihr hoch und heilig versprochen, diese Tradition fortzuführen.
Danach war sie mit Edith auf den Friedhof hinter der Dorfkirche gegangen, um von ihren Eltern Abschied zu nehmen, und hatte insbesondere mit ihrem Vater stumme Zwiesprache gehalten. Sie hoffte so sehr, dass die Entscheidung, nach London zu gehen und Amberton fremden Händen zu überlassen, in seinem Sinne gewesen wäre. Sie hätte nie damit gerechnet, dass ihr so jung so viel Verantwortung zufallen würde, aber als eine Woche nach der Beerdigung ihres Vaters einer ihrer Pächter unendlich verlegen und verzweifelt in der Tür gestanden hatte, weil er nicht wusste, wie er seine Kinder über den Winter bringen sollte, nachdem er fast die ganze Ernte an einen Sturm verloren hatte, und ihre Mutter nur wie gelähmt dagesessen hatte, war Amanda aufgestanden, hatte die Studierstube ihres Vaters aufgeschlossen und hatte nie zurückgesehen. Irgendwie hatte sie nicht gedacht, dass sich das jemals wieder ändern würde, was natürlich recht naiv von ihr gewesen war.
»Sei nicht so traurig«, sagte Edith leise in ihrem Rücken. »Wahrscheinlich geht das alles nicht so einfach, wie Tante Maud sich das vorstellt, und wir sind im August wieder da. Unverheiratet.«
Amanda hob den Kopf und drehte sich zu ihrer Schwester um. »Ich dachte, du freust dich auf London?«
Edith zuckte die Schultern. »Tue ich schon.« Sie kniete sich neben Amanda auf den Kiespfad und streckte ihrerseits die Hand nach Mickey aus. »Ich denke nur, ein wenig Abwechslung und Gesellschaft tun uns beiden gut, vor allem nach Mutters Tod. Also lass uns die nächsten Monate genießen und alles weitere … findet sich dann.«
Edith war auf eine Hochzeit mit einem Unbekannten ebenfalls nicht versessen, ahnte Amanda. Sie war diejenige, die ihrer beider Gesellschaftskalender stets gut gefüllt hielt, und die lange Krankheit und Pflege ihrer Mutter, gefolgt von einem vollen Trauerjahr, hatte sie vielleicht noch mehr belastet als Amanda. Jetzt wollte sie ihre Freiheit genießen, so weit das möglich war, sich in der Gunst von ein oder zwei harmlosen Verehrern sonnen und den Ernst des Lebens ein wenig von sich fernhalten. Amanda wiederum hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie ihren stillen Rückzug hätte weiterführen können. Sie war zufrieden mit dem Gut, der ihr anvertrauten Verantwortung und ihren Büchern.
»Ich weiß nicht, was Tante Maud dazu sagen wird, wenn wir uns nur amüsieren wollen«, wandte sie dennoch ein.
Edith legte den Kopf schief. »Was hast du nur im Moment? Tante Mauds Angebot ist tatsächlich sehr großzügig – auf etwas Besseres brauchen wir kaum zu hoffen, selbst wenn nur ein Sommer voller Unternehmungen dabei herausspringt. Oder hast du vergessen, dass wir uns den ganzen Winter die Köpfe darüber zerbrochen haben, wie es mit uns weitergehen soll, sobald wir wieder in Gesellschaft auftreten können?«
»Nein«, räumte Amanda ein, aber sie senkte den Blick wieder auf Mickey, der jetzt angefangen hatte, sich seinen weißen Latz zu putzen. »Ich bin ein bisschen wütend, denke ich. Sie kennt uns größtenteils über Briefe und jetzt spaziert sie einfach so in unser Leben hinein und stellt es auf den Kopf.« Sie winkte ab, bevor Edith den Mund aufmachen konnte. »Ich weiß, ich weiß, ich bin undankbar. Aber ich bin nicht so versessen auf Bälle und Pferderennen in der guten Gesellschaft wie du.«
Edith nickte schicksalsergeben. Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Beschwerde hörte. »Ich weiß. Aber wenn ich nicht vorteilhaft heirate und du nicht wenigstens so, dass du abgesichert bist, werden wir Amberton nicht halten können. Also wirst du dich mit den Bällen und den Pferderennen abfinden müssen.« Sie fischte ihre Uhr aus der Tasche im Rockbund, bevor Amanda einwenden konnte, dass es Maud durchaus möglich wäre, ihnen auszuhelfen, ohne dass sie lebensverändernde Bedingungen wie eine Ehe daran knüpfte. »Und wenn wir beide uns nicht bald umziehen, kommen wir heute überhaupt nicht mehr nach London und Tante Maud wird uns ohne Bedenken vor die Tür setzen.«
Leseprobe 2
aus Kapitel 4
[Edith und Amanda hatten vor einem Wolkenbruch Zuflucht in einem sich im Umbau befindenden Varieté gesucht. Edith hat ihre Handschuhe dort vergessen. Nun sind sie zurückgekommen, um sie zu holen, und die Besitzerin des Gebäudes, Mrs Abbitt, hat sie mit kryptischen Warnungen wieder nach Hause geschickt.]
»Was war das denn?«, murmelte Amanda, kaum dass sie sich ein paar Schritte vom Haus entfernt hatten. »Bilde ich mir das ein oder war sie sehr erpicht darauf, uns loszuwerden?«
»Ich fürchte, Mrs Webster hat recht und da geht irgendwas nicht ganz mit rechten Dingen zu«, antwortete Edith. »Aber das braucht uns ja nicht mehr zu kümmern.«
»Gottseidank. Moment – in welche Richtung laufen wir eigentlich?« Edith war auf die Querstraße abgebogen, anstatt den Weg zurückzugehen, auf dem sie hergekommen waren.
»Ich dachte, wir gehen Richtung Park«, erklärte sie. »Dort finden wir vielleicht leichter eine Kutsche, vor allem um die Uhrzeit. Im Stadtzentrum ist zu viel Betrieb und vom Manchester Square bis hierher habe ich nicht eine einzige gesehen.«
»Gute Idee.« Amanda folgte ihr bereitwillig. Die Sonne schien ihnen zwischen den Häusern genau ins Gesicht, aber ihr Licht hatte einen deutlichen Kupferton angenommen. Es wurde Zeit, dass sie nach Hause kamen.
Die Straße endete an einem Zaun und einer kleinen Grünfläche und Edith wandte sich ohne zu zögern nach Norden. Die Gasse, in der sie sich befanden, kreuzte eine weitere breite Straße und sie blieben kurz stehen, um zu überlegen, wie sie den Weg am besten fortsetzen sollten, aber am Ende überquerten sie die Straße und behielten die eingeschlagene Richtung bei. Der Regent´s Park war selbst an seiner Schmalseite breit genug, dass sie ihn eigentlich nicht verfehlen konnten – oder zumindest war das Amandas Argument gewesen.
Aber irgendetwas stimmte nicht. Sie bogen an der nächsten Hauptstraße rechts ab, doch obwohl sie den Park schon durch die Häuser hätten sehen müssen, fanden sie nur weitere Gassen, die fast so ärmlich waren wie die in der Nähe des vermeintlichen Theaters, ein endloses Gewirr, in dem sie bald heillos die Orientierung verloren hatten. Kein Mensch war zu sehen, obwohl zu dieser Uhrzeit eigentlich die Kinder noch draußen hätten spielen müssen, während ihre Mütter drinnen am Herd standen.
»Das gibt es doch nicht.« Edith stemmte die Hände in die Hüften und sah sich ratlos um. »Wie können wir denn so dämlich sein und einen kompletten Park verfehlen?« Es klang barsch, aber Amanda hörte die Unruhe in ihrer Stimme trotzdem.
»Lass uns nachdenken«, beschwichtigte sie und sah zum Himmel auf. »Norden ist dort« – sie wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren – »und ich glaube nicht, dass wir weit genug nach Osten oder Westen abgekommen sind, dass wir am Park vorbeilaufen würden. Lass uns umkehren.«
Edith machte ohne ein Wort kehrt, aber es war wie verhext. Keines der Sträßchen führte auf Dauer in die Richtung, in die sie wollten, und so langsam brach die Dämmerung herein und beraubte sie ihres besten Orientierungspunktes. Und immer noch war die Gegend wie ausgestorben.
»Warte!« Amanda packte Edith am Arm und wies nach vorne, bevor sie um eine weitere Ecke biegen konnte. »Da vorne sind wir hergekommen.«
Das gedrungene, von Baugerüsten umgebene Gebäude, das sie vor bestimmt einer guten Stunde verlassen hatten, lag schräg links voraus. Amanda hätte schwören mögen, dass sie sich ihm, wenn überhaupt, aus der anderen Richtung hätten nähern müssen. Was war bloß mit ihrem Orientierungssinn los?
»Wunderbar. Dann wissen wir ja diesmal zumindest, in welche Richtung wir gehen müssen, um zurück zur Oxford Street zu kommen.« Edith schenkte Amanda ein erschöpftes Lächeln. »Das zumindest sollten wir ja wohl hinbekommen.«
Doch sie irrte sich. Die Abzweigung Richtung Manchester Square wollte und wollte nicht kommen und so langsam wurde Amanda ernstlich nervös. Nein, nicht nervös – kalte Furcht strich ihr über den Rücken und nistete sich tief in ihren Knochen ein. Irgendetwas war grundfaul und an der Art, wie Edith sich umsah und sich immer wieder auf die Lippen biss, erkannte Amanda, dass es ihrer Schwester nicht besser ging. Sie konnten höchstens ein paar Querstraßen von den gutsituierten Vierteln um die Oxford Street entfernt sein, aber alles, was sich ihnen auftat, waren neue Reihen von niedrigen Backsteinhäuschen.
»Tante Maud bringt uns um«, murmelte Edith, als sie zum wiederholten Mal an einer Kreuzung zögerten. Mittlerweile war es düster zwischen den schäbigen Häusern und ihnen taten die Füße weh. Edith wischte sich achtlos mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und zog Amanda weiter, aufs Geratewohl, wie es ihr vorkam. Sie ließ ihre Hand nicht mehr los, auch als Amanda sich folgsam in Bewegung setzte.
Amanda war froh darum. Als sie die Kreuzung passierten, sah sie die Nebenstraße zur Rechten herunter und ein scheußlicher, heißer Stich fuhr ihr durch den Bauch, als sie aufs Neue die Silhouette des eingerüsteten Hauses erkannte. Auf der linken statt auf der rechten Straßenseite, wie sie eigentlich geschätzt hätte. Sie behielt diese Beobachtung für sich.
Von einer Biegung auf die nächste waren plötzlich die Straßenlaternen angezündet, obwohl sie niemanden gesehen hatten, der das hätte tun können, aber ihre Flammen wollten die Dunkelheit zwischen den Häusern nicht so recht durchdringen. Vereinzelt fiel warmer Lampenschein aus den Fenstern auf das Pflaster, doch hinter den Scheiben regte sich nichts. Mond und Sterne waren nicht zu sehen und die Tageshitze schien mit dem Einbruch der Nacht aus der Luft gesogen worden zu sein. Amanda fror.
Sie hielt Ediths Hand zu fest, aber ihre Schwester beklagte sich nicht und wenn Amanda zu ihr hinübersah, fand sie ihre Befürchtungen in ihren Augen gespiegelt. Aber dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, wollte keine von ihnen aussprechen. Und noch weniger wollte Amanda darüber nachdenken, was passieren würde, wenn sie keinen Ausweg aus diesem Labyrinth unbekannter Straßen finden sollten, die es hier im Viertel eigentlich gar nicht geben sollte, oder jedenfalls nicht in dieser Anzahl.
Plötzlich blieb Edith wie angewurzelt stehen und Amandas Blut gefror zu Eis, noch ehe sie sich umdrehte und entdeckte, was Edith gesehen hatte.
Das »Theater« lag auf der anderen Straßenseite, aber die Planen um die Fassade waren verschwunden und gelbes Licht schien aus den fast bodentiefen Fenstern rechts neben der Tür, blendend nach der erstickenden Dunkelheit in den Gassen, viel heller als die Gaslampen am Straßenrand. Auch hinter den Fenstern im Obergeschoss flackerte es gedämpft.
Sie sahen sich nicht an, sie sprachen sich nicht ab. Wie magisch angezogen schlichen sie auf das Licht zu, zwei hilflose Motten, hypnotisiert vom Feuer. Amanda kam es vor, als beobachte sie die Vorgänge irgendwo tief aus ihrem Inneren, ohne sie beeinflussen zu können. Das zunehmende Grauen, das sie empfand, schnürte ihr die Kehle ab, aber gleichzeitig erreichte sie es kaum. Es reichte jedenfalls nicht aus, dass sie sich davon hätte abhalten können, sich auf das niedrige Fenstersims zu knien und durch die Scheibe ins Innere zu spähen.
An der gegenüberliegenden Wand zog sich eine Theke aus dunklem Holz entlang, hinter der Polly Lewis stand und Bier und irgendeinen Schnaps an die Männer ausschenkte, die sich in der Mitte des Raumes um niedrige Tische drängten. Ihre Locken fielen offen über ihre Schultern und die obersten Knöpfe ihrer Bluse standen offen. Rechterhand, gegenüber dem Eingang, stand Mrs Abbitt in einem ziemlich gewagten Abendkleid auf einer niedrigen Bühne und sang. Jane konnte Amanda nicht entdecken, aber eine weitere junge Frau mit zerzausten braunen Haaren verschwand soeben mit einem der Männer durch die Tür zum Vorraum.
Amanda brannten die Wangen, als ihr aufging, was mit »einer Art Theater« wirklich gemeint war, aber als sie den Blick wieder auf den Hauptraum richtete, vergaß sie ihre Scham. Einer der Männer in der zügellosen Menge war über dem Tisch zusammengesunken, betrunken, dachte sie zuerst, bis sie den dunkelroten Fleck entdeckte, der sich auf seinem Rücken ausbreitete. Niemand sonst schien etwas zu bemerken und es war keine Waffe zu sehen, mit der ihm diese Verletzung zugefügt worden war, aber als Amanda entsetzt die Augen losriss, entdeckte sie einen weiteren Mann, der mit durchtrennter Kehle rücklings in seinem Stuhl hing. Dann einen mit einem eingeschlagenen Schädel, mit einer abgetrennten Hand, aus der das Blut nur so sprudelte, mit einer Schusswunde, die sich deutlich vom schmuddeligen Weiß seines Hemdes abzeichnete …
Sie schnappte nach Luft, doch wohin sie auch sah, fand sie nur weitere Leichen, Tote über Tote, alle mit brutalen Verletzungen. Auf der Bühne stand immer noch Mistress Abbitt und sang und Polly Lewis wischte mit einem Lappen die Theke ab, obwohl ihr die Tränen übers Gesicht liefen und ein dünner Blutfaden aus Mund und Nase.
Amanda schwindelte und fast wäre sie rücklings vom Sims gefallen. Instinktiv klammerte sie sich an Ediths Hand und entweder der Druck oder das Entsetzen brach den Bann. Plötzlich konnte sie sich wieder bewegen.
»Weg hier!« Sie riss Edith mit sich, die ihr stolpernd, aber widerstandslos folgte, und zusammen rannten sie Hand in Hand die Straße hinunter, bogen einmal rechts und einmal links ab und fanden sich außer Atem und zitternd inmitten der wohlhabenden Häuser der Manchester Street wieder, als sei nie etwas gewesen. Die Gaslaternen vertrieben die Dunkelheit so wie immer und die balsamweiche Luft eines Sommerabends legte sich wohltuend auf ihre ausgekühlten Gesichter. Hoch oben flirrten ein paar Sterne schwächlich durch den allgegenwärtigen Londoner Rauch.
Sie verlangsamten ihren Schritt ein wenig, hasteten aber immer noch schneller Richtung Oxford Street, als es schicklich war, um dem Grauen in ihrem Rücken zu entkommen. Vereinzelte Passanten, auf dem Weg von oder zu ihren Abendgesellschaften, warfen ihnen verwunderte Blicke zu, diesen zwei jungen Damen, die aussahen, als sei der Teufel hinter ihnen her. Edith und Amanda zwangen sich zu einem normalen Gehtempo, als sie bemerkten, dass sie Aufsehen erregten, auch wenn sie abwechselnd immer noch alle paar Meter über die Schulter blickten.
Nichts. Nur eine normale Straße in einer ganz normalen Sommernacht, mit ganz gewöhnlichen Menschen. Amanda wollte mit Edith sprechen, den Schrecken in Worte fassen, aber sie fand keine Beschreibung dafür. Fast schien es ihr, als könne sie sich schon gar nicht mehr genau erinnern, was sie eigentlich gesehen hatte, oder zumindest nicht gut genug, um es erklären zu können. Nur der kleine, eisige Ball tief unten an ihrem Rückgrat blieb.
Auf halbem Weg zur Oxford Street hörten sie endlich das willkommene Klappern von Pferdehufen hinter sich. Ein Hansom, und es war leer. Der Fahrer warf ihnen verwunderte Blicke zu, als frage er sich, was sie hier trieben und warum sie so abgehetzt waren, aber er nahm sie ohne Kommentar mit, ließ sich von Amanda die Adresse geben und schnalzte mit den Zügeln, um sein Pferd anzutreiben.
Edith sank in den Sitz zurück und ließ endlich Amandas Hand los. Sie schnitt eine Grimasse, massierte ihre steifen, blutleeren Finger und sah Amanda beinahe hilflos an, als wolle sie ihr eine Frage stellen, die sie nicht artikulieren konnte.
Amanda konnte ihr da nicht weiterhelfen. Sie lehnte sich ebenfalls zurück und die Fahrt verging in Schweigen, durch die stillen, luxuriösen Straßen um den Grosvenor Square, vorbei am Hyde Park, bis die vertrauten weißen Häuserreihen von Belgravia links und rechts im Laternenschein schimmerten. Sie dachte flüchtig, dass sie sich eine Erklärung für Tante Maud zurechtlegen sollten und dass sie vielleicht auf die Uhr sehen sollte, um herauszufinden, um wie viel sie zu spät kamen, aber sie konnte sich weder zum einen noch zum anderen aufraffen.
Die Kutsche hielt vor der Tür von Nummer 67 und Amanda bezahlte den Fahrer, während Edith die Tür aufschloss. Drinnen fanden sie keineswegs das Haus in Aufruhr vor, wie Amanda fast befürchtet hatte. Mr Cowden kam aus der Tür zum rückwärtigen Anbau und sagte nur: »Ah, Miss Hall, Miss Amanda. Sie kommen spät, Mrs Ashley fing schon an, sich Sorgen zu machen. Sie ist oben. Möchten Sie noch etwas zu Abend essen?«
»Eine Kleinigkeit wäre nett«, sagte Edith mit völlig normaler Stimme. Amanda wusste selbst schon gar nicht mehr, warum sie sich eigentlich Gedanken gemacht hatte, wie sie empfangen werden würden. Warum war sie so unruhig?
Doch je weiter sie die Treppe hinaufstiegen, umso gelassener wurde sie. Im Salon legte Tante Maud ihr Buch zur Seite, so wie sie es auch an jenem ersten Abend getan hatte, blieb aber sitzen. »Da seid ihr ja, Mädchen«, sagte sie untypisch milde. »Was hat euch denn so lange aufgehalten?«
Amanda war sich schon gar nicht mehr sicher, was eigentlich zu dieser Verzögerung geführt hatte. »Wir haben sehr lange gebraucht, bis wir am Teehaus angekommen sind«, begann sie zögerlich, aber als sie es aussprach, schien es die richtige Erklärung zu sein.
»Der Londoner Verkehr ist wirklich fürchterlich«, bestätigte Edith. »Und auf dem Rückweg war er kaum besser. Es tut uns leid, Tante Maud, dass wir so spät kommen.«
»Schon gut«, winkte Maud ab. »Hat sich der ganze Aufwand wenigstens gelohnt?«
»Ja, ich habe die Handschuhe zurückbekommen«, sagte Edith. »Wenn du mich kurz entschuldigst, bringe ich sie oben in Sicherheit und mache mich vor dem Essen ein wenig frisch. Kommst du mit, Amanda?«
Sie wuschen sich Gesicht und Hände. Sie aßen und schliefen. Und am Morgen konnte sich Amanda nur noch daran erinnern, dass sie gestern etwas später heimgekommen waren als geplant.
Leseprobe Opalweiß
aus Kapitel 1
Amanda Fernsby öffnete die Haustür und atmete tief die frische Morgenluft ein. Mit dem Einkaufskorb über dem Arm eilte sie die Stufen in den kleinen Vorgarten hinunter und machte sich auf den Weg ins Stadtzentrum, um die nötigen Bestellungen für den Haushalt in Auftrag zu geben und ein paar frische Lebensmittel gleich mitzunehmen. Es war ein schöner klarer Herbsttag. Die Bäume im Park gegenüber dem Haus leuchteten in allen Farbtönen von Gold bis Rot und Orange und ein schwacher, aber nicht unangenehmer Rauchgeruch lag in der kühlen Luft. Beschwingt folgte sie dem mittlerweile vertrauten Weg, am Park entlang und dann die High Street hinunter, in das Netz der kleinen Nebenstraßen hinein.
John hatte recht gehabt. Dorchester war um einiges kleiner als London, so dass es Amanda gar nicht so viel ausmachte, nicht mehr auf dem Land zu wohnen. Sie vermisste Amberton Hall und Norfolk immer noch fürchterlich, obwohl sie vor wenigen Wochen erst für eine Weile dort gewesen waren. Aber sie hatte sich auch in Dorset mit seinen steilen Hügeln und dramatischen Kreidefelsen verliebt, in die Nähe zum Meer und in das Haus, das sie soeben hinter sich zurückließ. Es war kein altehrwürdiges Herrenhaus wie das, in dem sie groß geworden war, sondern ein moderner Neubau aus Ziegeln mit Schmuckdetails aus hellem Kalkstein um die Fenster. Der Haushalt war klein genug, dass sie regelmäßig mit Hand anlegen musste, aber es war ihr Heim, auch wenn ihre Wurzeln immer anderswo liegen würden.
Fast ein Jahr war Johns überraschender Antrag jetzt her und vor ein paar Wochen war der Jahrestag gekommen und gegangen, an dem Edith nach wochenlanger Bewusstlosigkeit endlich die Augen wieder aufgeschlagen hatte, nachdem es John, Amanda und Nicholas in mühsamer Kleinarbeit und nach ein paar wahrhaft haarsträubenden Situationen gelungen war, den Fluch zu brechen, der sie gefangen gehalten hatte. Viel war in diesem Jahr passiert.
Am ersten Advent hatte John sie mit nach Dorset genommen, um sie seiner Familie vorzustellen und ihr zu zeigen, wo sie später leben würden. Seine Eltern und seine Schwester hatten sie warmherzig aufgenommen, aber dennoch war Amandas Herz erst einmal schwer geworden. Die grauen, von Schneematsch überzogenen Straßen hatten wenig einladend gewirkt und sie hatte damit gehadert, so weit in die Ferne ziehen zu müssen. Immerhin hatte Tante Maud nachgegeben, als sie und Edith darum gebeten hatten, Weihnachten auf Amberton verbringen zu dürfen. Auch dieses Jahr wollten sie wieder hinfahren und so hoffentlich eine neue Familientradition begründen.
Am fünfundzwanzigsten April war dann die Hochzeit gefolgt, eine kleine, bescheidene Feier in St. Michael, nur fünf Minuten von Tante Mauds Haus in London entfernt. Amanda und John waren danach für zwei Wochen nach Cornwall verschwunden, Edith und Nicholas für die doppelte Zeit nach Italien, was Amanda ihrer Schwester, die schon immer mehr von der Welt hatte sehen wollen, von Herzen gegönnt hatte. (Sie hatte außerdem innerlich Nicholas zur korrekten Einschätzung des Charakters seiner Braut beglückwünscht). Und als sie wieder zurückgekommen waren, hatten sie sich in die Arbeit gestürzt, die häusliche – und die andere.
Amanda hatte ihr erstes Ziel, die Bäckerei, erreicht und betrat den Laden unter dem fröhlichen Gebimmel der Glocke über der Tür. Geduldig wartete sie inmitten der anderen Hausfrauen und Hausmädchen, bis sie an die Reihe kam, plauderte mit ein paar Nachbarn und Bekannten und amüsierte sich im Stillen darüber, wie gewöhnlich das von außen wirken musste. Wenn dieser Eindruck der ganzen Wahrheit entsprochen hätte, wäre sie mit Sicherheit todunglücklich gewesen; nach der Leitung eines gesamten Gutsbetriebs konnte ein Vier-Personen-Haushalt sie nur unterfordern. Aber zum Glück war dem ja nicht so.
Als das Brot sicher in dem geräumigen Weidenkorb verstaut war, ging sie weiter zum Metzger, dann zum Gemüsehändler. Zum Schluss gab sie im Lebensmittelladen die Bestellungen für alles auf, was ihnen auszugehen drohte, Mehl, Zucker und Tee, Marmelade. Eier und Milch waren bereits geliefert worden und so konnte sie sich bald wieder auf den Heimweg machen.
Der schöne Tag schrie eigentlich nach einem Spaziergang, dachte Amanda. Vielleicht konnte sie John später dazu überreden, bevor sie zum allwöchentlichen Abendessen bei den Fernsbys aufbrechen mussten. Sie freute sich darauf; ihre Schwägerin und ihr Schwager wollten ebenfalls mit den Kindern vorbeischauen und meistens war es eine lebhafte, gut gelaunte Runde, die sich im geräumigen Esszimmer der alten Villa einfand. Oft genug waren auch Edith und Nicholas mit von der Partie, die sich allerdings heute Abend entschuldigt hatten, weil sie selbst Besuch haben würden. Wie Amanda es ihrer Schwester vorab hätte sagen können, hatte Edith nicht lange gebraucht, um sich einen eigenen Bekanntenkreis aufzubauen.
Erhitzt von Sonnenschein, Bewegung und der Last des gut gefüllten Einkaufskorbs schloss sie wenig später die Haustür auf. Mit schnellen Schritten durchquerte sie den Flur und ging nach hinten in die Küche, wo Mrs Randolph, die Köchin, bereits eifrig bei der Arbeit war. Mit einem leisen Ächzen wuchtete Amanda den Korb auf den großen Arbeitstisch.
»Alles bekommen, wie gewünscht«, verkündete sie heiter. »Wissen Sie, wo Mr Fernsby gerade ist?«
»Im Arbeitszimmer«, antwortete Mrs Randolph und beugte sich vom Herd weg zu den Einkäufen hinüber, während sie mit einer Hand immer noch in dem großen Suppentopf rührte, aus dem es still vor sich hin dampfte. Dem Geruch nach zu urteilen, verkochte sie die Reste des Huhns von gestern zu einer Brühe. »Lassen Sie die Einkäufe nur stehen, ich kümmere mich gleich darum.«
»Vielen Dank.«
Amanda verließ die Küche wieder und kehrte durch den fröhlich goldgelb tapezierten Flur zu den Wohnräumen zurück. Im Gehen zupfte sie sich die Handschuhe von den Fingern. Groß war das Haus wahrhaftig nicht, jedenfalls nicht gemessen an den Maßstäben der Oberklasse; jeweils drei Zimmer im Ober- und Untergeschoss und dazu ein kleines Bad. Nach allen anderen Maßstäben war es immer noch doppelt so breit wie ein gewöhnliches Reihenhaus und Amanda hatte sich schon so manches Mal gefragt, was John bewogen hatte, alleine ein solches Haus anzumieten.
Tante Maud hatte heimlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie auf ihrer ersten Reise nach Dorset gesehen hatte, wie ihre Nichte zukünftig leben sollte. Aber da war die Verlobung schon geschlossen gewesen und Amanda hatte sich standhaft ihrem Drängen widersetzt, sich die Sache noch einmal zu überlegen und sich vielleicht doch noch den Sohn irgendeines besser begüterten Gentlemans zu angeln.
Um nichts in der Welt hätte sie John aufgeben wollen und auch nicht die Chance, die er ihr bot, einen anderen Platz in der Welt einzunehmen, als normalerweise für eine Frau ihrer Klasse vorgesehen war. Irgendwo im Verlauf der anstrengenden Wochen letztes Jahr im September waren ihr ihre gelegentlichen Skrupel über eine nicht standesgemäße Heirat abhandengekommen. Maud mochte über ihren gesellschaftlichen Abstieg jammern und hatte sogar Andeutungen gemacht, Amandas Erbe zurückzuziehen, aber an dieser Stelle hatte Edith eingegriffen. Sie hatten Johns Verhältnisse schließlich vorher gekannt – zweiter Sohn aus begüterter Familie, der im Handelsunternehmen seines Vaters mitarbeitete – also gab es keinen Grund, jetzt einen Rückzieher zu machen.
Amanda war es herzlich gleich gewesen. Jetzt, wo Maud Edith das Geld zugesagt hatte, um Ambertons angeschlagenen Gutsbetrieb wieder auf Vordermann zu bringen, betrachtete sie ihre Verpflichtungen ihrer Tante gegenüber weitgehend als erledigt. Ihr Verhältnis war ohnehin nie das beste gewesen und seit Amandas skandalösem Verschwinden letzten Herbst hatte es sich nicht so recht erholt. Maud vermutete, leider nicht zu Unrecht, dass die Geschichte von der Entführung, die sie ihr aufgetischt hatten, gelogen war. In Wahrheit war Amanda mit ihrem zukünftigen Gatten und Schwager auf Gespensterjagd gewesen, um das Leben ihrer Schwester zu retten, aber das konnte sie Maud natürlich nicht sagen.
Sie hängte den Mantel auf und klopfte mehr pro forma an die Tür des Arbeitszimmers links der Haustür. Der Architekt hatte den Raum sicher ursprünglich als Esszimmer vorgesehen, aber da ihr gemeinsamer Beruf größere Mengen an Büchern erforderte, hatte John ihn kurzerhand umfunktioniert. Er war eine gemütliche, größtenteils in Dunkelblau und Mahagoni eingerichtete Höhle, doch das große Erkerfenster zur Straße hinaus verhinderte, dass er bedrückend wirkte.
John sah lächelnd von seinem Bericht auf und wischte eine dunkle Haarsträhne beiseite, vermutlich dankbar für die Ablenkung. Da er eigentlich Linkshänder war, aber natürlich gelernt hatte, mit der Rechten zu schreiben, ging es wie üblich langsam voran. Amanda wusste genau, wem diese Aufgabe in Zukunft zufallen würde, sobald sie in ein paar Wochen offiziell in die Gesellschaft des Hl. Michael und Bartholomäus, sehr viel weniger hochgestochen auch als die Vogelbeeren-Gesellschaft bekannt, aufgenommen worden war. Oder sie würde ihn überreden, auf eine Schreibmaschine zu sparen.
»Schon zurück?«, fragte John.
Amanda ließ sich im Sessel am Kamin nieder, zog die Hutnadel heraus und nahm den Hut ab. »Es war Gottseidank nicht allzu viel los in den Läden. Ist das der Fallbericht zu dem Poltergeist von Anfang des Monats?«
Mr Walbridge, Johns alter Lehrer und jetzt Amandas, hatte das für einen einfachen Fall für den Anfang gehalten, etwas zur Übung für sie und Edith. Bis jetzt hatte er mit seinen Einschätzungen immer goldrichtig gelegen. Keiner der Fälle, die sie seit dem Sommer für die Gesellschaft übernommen hatten, kam auch nur annähernd an das abgrundtiefe Entsetzen heran, das Mrs Abbitt und das Black Rose bei ihr hinterlassen hatten.
John schnitt eine Grimasse. »Ja, immer noch, danke der Nachfrage. Aber ich denke, bis zum Mittagessen bin ich fertig.«
»Oh, wunderbar. Es ist so ein schöner Tag; ich habe mich gefragt, ob du später einen Spaziergang mit mir machen würdest?«
»Immer gerne«, versprach John. »Zumal ich voraussichtlich die nächsten paar Tage mit William im Büro verbringen darf.«
»Mein aufrichtiges Beileid«, antwortete Amanda und wich lachend aus, als er ein zusammengeknülltes Blatt Papier nach ihr warf. Johns älterer Bruder, der Erbe ihres Vaters, verbreitete Missmut, wohin er auch ging.
»Husch.« John vollführte eine wedelnde Bewegung, die um einiges effektiver gewesen wäre, wenn er einen Federkiel statt eines Füllers gehalten hätte. »Hebe dich von hinnen, Weib, und lass mich meine Arbeit tun.«
Immer noch lachend überließ Amanda ihn seinem Schicksal und ging nach oben, um Hut und Handschuhe loszuwerden. Das war einer der besten Aspekte an der Ehe mit John, dass sie zusammen lachen und herumalbern konnten und sie gleichzeitig wusste, dass sie sich blind auf ihn verlassen konnte. Er war ein erstaunlich geduldiger Lehrer, er stärkte ihr immer den Rücken, er schätzte ihre Neugier und er verlangte nie mehr von ihr, als sie zu geben bereit war. Sie hätte es ja so viel schlimmer antreffen können.
Oben im Flur roch es noch nach dem Leinöl, mit dem die Handwerker die Dielen in einem der Gästezimmer neu eingelassen hatten, nachdem der Raum kürzlich frisch gestrichen worden war. Dass im Haus noch einiges zu tun und einzurichten gewesen war, weil John es erst vorletztes Jahr gemietet und dann aufgrund seiner beruflichen Verpflichtungen nie die Zeit gefunden hatte, es ordentlich auszustatten, hatte Amanda nie gestört. Im Gegenteil. So konnte sie Dinge nach ihren Vorstellungen gestalten und es fühlte sich mehr wie ein Haus an, in das sie zusammen eingezogen waren, anstatt wie eines, das sie nach der Hochzeit mehr oder minder als Fremde betreten hatte.
Auch das Schlafzimmer war bei ihrer Hochzeit noch recht kahl gewesen – schlichte Möbel, einfache gekalkte Wände. Mittlerweile sah es mit seinen hellblauen Vorhängen und Wänden so ähnlich aus wie ihr altes Zimmer auf Amberton. Nur dass ein zweites Bett darin stand, war immer noch manchmal ungewohnt. Aber das Haus war nicht groß genug, um getrennte Zimmer zu rechtfertigen, ungeachtet der wahren Natur ihrer Ehe, in der sie wie Bruder und Schwester zusammenlebten, als Arbeitspartner und als Freunde. In ihren wildesten Träumen hätte sie es sich nicht ausgemalt, einmal in einer solchen Situation zu enden, aber jetzt fand sie, dass es so eigentlich ziemlich perfekt war.
Nach dem Mittagessen brachen sie zu einem flotten Spaziergang auf, der sie aus der Stadt nach Norden und am Ufer des Frome mit seinen vielen Wasserarmen entlangführte. Wie so oft hatte der Himmel sich im Verlauf des Tages zugezogen, aber es blieb trocken und zumindest am Anfang schien noch die Sonne. Sie folgten dem Fluss in kameradschaftlichem Schweigen nach Westen. Bunte Blätter tanzten wie leuchtende Funken auf dem Wasser und Amanda genoss das Rauschen des Windes in den Bäumen und die Gerüche nach Feuchtigkeit und Herbstlaub.
John hatte ihr den Arm gereicht, um ihr über eine unebene Stelle im Pfad hinwegzuhelfen, eine ebenso galante wie völlig sinnlose Geste, und Amanda ließ ihre Hand danach, wo sie war, und lächelte in sich hinein.
»Hm?«, machte John und stupste sie im Gehen leicht an, als er es bemerkte. »Was ist so erheiternd?«
»Dass du meinst, mich wegen ein bisschen Schlamm stützen zu müssen, aber keine Bedenken hast, mich in ein poltergeistverseuchtes Haus zu schicken. Nicht, dass ich mich beschweren möchte.«
»Das nennt sich Manieren«, informierte John sie von oben herab. »Obwohl ich nicht ganz sicher bin, was die Etikette für Poltergeister angeht …«
»Laufen, so schnell es geht?«
»Nein, das trifft auf Werwölfe zu.«
»Netter Versuch, aber Mr Walbridge hat mir bereits bestätigt, dass es keine Werwölfe gibt.«
Worüber Amanda sehr erleichtert war. Bis jetzt hatte sie es neben Mrs Abbitts Simulacrum und dem Poltergeist mit einem Gespensterraben, dem Geist eines Mordopfers und einer Nixe zu tun bekommen. Letzteren Fall hatte sie mit John allein übertragen bekommen, während Nicholas und Edith derweil einen außer Rand und Band geratenen Kobold gebändigt hatten. Nachdem Nicholas seine Schwester im Kindesalter an den Geist eines ertrunkenen Mädchens verloren hatte, fiel ihm alles, was mit Wasserwesen zu tun hatte, verständlicherweise schwer.
Amanda dagegen hatte die Nixe recht wenig ausgemacht. Einer Feenwesen wie ihr den Eingang zur menschlichen Welt zu verwehren, verursachte ihr weniger Gewissensbisse als das Auslöschen eines Geistes. Immerhin war der Ermordete nicht bösartig gewesen, hauptsächlich traurig und erleichtert. Mrs Abbitts Mädchen verfolgten sie hingegen immer noch gelegentlich im Schlaf. Sie waren so verzweifelt gewesen …
»Mr Walbridge hat uns eine Weile weisgemacht, es gäbe immer noch Aufhocker, aber bei dir und Edith wird er plötzlich zimperlich«, grummelte John.
»Was sind Aufhocker?«, wollte Amanda natürlich sofort wissen.
»Lebende Tote, die unachtsamen Wanderern des Nachts auf den Rücken springen und sie zwingen, sie zu tragen. Ich habe eine Woche nicht geschlafen, nachdem er uns das erzählt hat.«
»Brrr.« Amanda schüttelte sich. »Das hätte ich auch nicht.«
»Zum Glück für uns haben unsere Vorgänger sie irgendwann im siebzehnten Jahrhundert ausgerottet.«
»Na Gottseidank.«
Sie schwiegen ein Weilchen, während sie den Weg fortsetzten und Amanda noch über Johns letzte Bemerkung nachdachte. Doch ein entgegenkommendes Paar mittleren Alters zwang sie zum Schweigen.
»Ich wusste gar nicht, dass die Gesellschaft manche Wesen vollständig beseitigt hat«, sagte sie schließlich, als sie wieder allein waren.
»Ja, der Geschichtsunterricht ist ein wenig zu kurz gekommen«, gab John zu. »Aber wir fanden es wichtiger, dass ihr erst wisst, was ihr tut, bevor ihr die ganzen Hintergründe kennenlernt.«
»Keine Frage«, stimmte Amanda sofort zu. »Ich war nur überrascht. Normalerweise ist doch die Politik, dass wir in Ruhe lassen, was uns in Ruhe lässt, anstatt etwas aktiv zu jagen.«
»Das war ja eben das Problem mit den Aufhockern und Nachzehrern und wie sie alle heißen«, antwortete John. »Sie waren unter allen Umständen gefährlich und anscheinend gab es nach den ganzen Epidemien im Mittelalter und der Renaissance recht viele davon. Vermutlich war das sogar mit ein Grund, warum die Gesellschaft überhaupt gegründet wurde.«
Unter dem recht frommen Heinrich VI., kurz bevor er den Verstand verloren hatte, so viel hatte Amanda behalten. Damals noch nach ihren katholischen Schutzheiligen benannt, hatte sich nach der Reformation der weniger religiöse Spitzname Vogelbeeren-Gesellschaft etabliert, der vom Wappen der Gemeinschaft abgeleitet war. Ihr war nur nicht klar gewesen, dass es offenbar dringendere Gründe für die Etablierung der Gesellschaft gegeben hatte als Weiße Damen, Simulacrumsgeister und gelegentlicher Spuk sowie die eine oder andere verirrte Nixe.
»Oh doch«, sagte John, als sie diesen Gedanken äußerte. »Wenn du in den Annalen zurückgehst, wirst du feststellen, dass die Gesellschaft am Anfang zwei- bis dreimal so groß war wie heute und auch insgesamt mehr zu tun hatte. Verglichen mit unseren Vorgängern haben wir es heute recht einfach.«
Was aber hieß, dass die meisten Mitglieder der Gesellschaft heute einen zweiten Verdienst hatten oder aus so begüterten Verhältnissen stammten, dass sie das nicht nötig hatten. In Johns Fall bedeutete das, dass er für seinen Vater arbeitete, der ihm aber eine recht lange Leine und viel freie Zeit ließ, weil er glaubte, John spioniere für die Krone.
Das wiederum sorgte für reichlich Reibung zwischen John und seinem Bruder. William war der Auffassung, dass John, wenn überhaupt, von seinen Spionagetätigkeiten leben müsste, anstatt eine Sonderstellung im Betrieb einzufordern. John hatte ihr schon mehr als einmal anvertraut, wie sehr es ihm zu schaffen machte, dass er seine Familie anlügen musste, und wie sehr ihn der Streit mit seinem Bruder bedrückte. Was werden sollte, wenn Johns Vater die Geschäftsleitung irgendwann an William abtrat, wussten sie beide nicht.
Amanda verscheuchte diese sorgenvollen Gedanken mit einem kurzen Kopfschütteln und tarnte die Bewegung, indem sie nach einem vermeintlichen Spinnenfaden schlug. »Auf jeden Fall bin ich froh, dass es Dinge gibt, denen wir uns nicht stellen müssen. Obwohl ich finde, dass es bis jetzt verdächtig gut läuft.«
»Wir hatten bis jetzt ja auch die Anfängerfälle. Was du mit Mrs Abbitt erlebt hast, war die Ausnahme, nicht die Regel. Ein Poltergeist ist unheimlich, richtet aber normalerweise nicht allzu viel Schaden an.«
»Außer geworfenes Geschirr.« Amanda hatte sich beim nächsten Familienessen eine gute Ausrede für die Schramme auf der Stirn einfallen lassen müssen, wo eine Teetasse sie getroffen hatte, weil sie sich nicht schnell genug geduckt hatte.
»Ja, abgesehen davon.«
»Dafür habe ich aber reichlich haarsträubende Geschichten von dir und Nicholas zu hören bekommen – von wegen Mrs Abbitt war eine Ausnahme.«
John lachte. »Weil die Gelegenheiten, wo wir ganz unkompliziert mit dem jüngsten Spuk fertig geworden sind, eben keine guten Geschichten abgeben. Aber so einen Doppelfluch wie im Black Rose hatten wir davor auch noch nie.«
Amanda unterdrückte ein Schaudern, als sie an die Massen an Irrlichtern dachte, die sie des Nachts in dem verwilderten Garten heimgesucht hatten, wo einer der Urheber des Fluchs begraben lag. »Ich hoffe, wir haben so etwas auch nicht so schnell wieder.«
»Unwahrscheinlich«, sagte John unbekümmert. »Und wir haben schließlich auch das in den Griff bekommen, oder?«
»Ja, schon. Trotzdem würde ich auf eine Wiederholung gerne verzichten.«
»Ich auch. Dann doch lieber fliegende Teller. Und wo wir gerade von Geschirr reden … Lass uns umkehren, dass wir heute Abend rechtzeitig loskommen.«